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Folge #26: Ernährung bei Diabetes – was heute wirklich gilt

Zu Gast: Kirsten Metternich von Wolff, Diätassistentin und Gesundheitsjournalistin

„Ernährung darf auch bei Diabetes leicht, genussvoll und alltagstauglich sein.“ Mit diesem Anspruch arbeitet Kirsten Metternich von Wolff als Diätassistentin und Gesundheitsjournalistin. Ihr Ziel: Menschen mit Diabetes Orientierung geben, Mythen einordnen und praktische Lösungen für den Alltag bieten. 

In dieser Podcast-Folge sprechen Moderatorin Alina Weigelt und Ernährungsexpertin Anja Roth mit Kirsten darüber, wie sich das Verständnis von Diabetes verändert hat, welche Mythen heute überholt sind und worauf es bei einer modernen, alltagstauglichen Ernährung bei Diabetes wirklich ankommt. Außerdem teilt Kirsten praktische Tipps fürs Kochen, Backen und für die Zuckerreduktion ohne Geschmackseinbußen. 

Welche Empfehlungen gelten heute für die Ernährung bei Diabetes? Wie finden Verbraucherinnen und Verbraucher verlässliche Informationen? Und welche einfachen Tipps helfen sofort im Alltag? 

Antworten darauf und viele praktische Impulse gibt es in dieser Folge. Noch mehr Fachwissen sowie leckere, alltagstaugliche Rezepte von Kirsten finden Sie hier in ihren Büchern.

Transkription der Folge:

Folge #26: Ernährung bei Diabetes – was heute wirklich gilt

Alina Weigelt Herzlich willkommen zu einer neuen Folge “So! Was? Süßes.”, dem Podcast rund um das Thema süße Ernährung. Ich bin Alina und ich sitze heute hier mit Anja Roth, Ernährungswissenschaftlerin, Süßstoffexpertin und Ansprechpartnerin beim Süßstoff-Verband. Hallo Anja.  

Anja Roth Hallo!  

Alina Weigelt Ja, und wir sitzen auch nicht alleine hier. Wir haben nämlich einen Gast bei uns im Studio: Kirsten Metternich von Wolff. Hallo. 

Kirsten Metternich von Wolff Hallo. 

Alina Weigelt Kirsten ist staatlich geprüfte Diätassistentin, Buchautorin und Gesundheitsjournalistin, unter anderem mit den Schwerpunkten Ernährung, Diabetes und Frauengesundheit. Außerdem entwickelt sie eigene Rezepte, schreibt Fachartikel, ist als Speakerin auf Veranstaltungen unterwegs und betreibt den Blog „Herbstwiese“. Kirsten, erzähl doch kurz. Wie bist du denn zum Thema Diabetes gekommen und warum liegt ihr das Thema denn so am Herzen?  

Kirsten Metternich von Wolff Da muss ich im Grunde genommen in meiner Kindheit anfangen, denn meine Oma hatte Typ-2-Diabetes und ich kann mich erinnern, dass sie früher immer Quark genommen hat, da Kondensmilch rein gerührt hat und einen Schuss Süßstoff.  

Und das gab es dann unter anderem auch für mich zum Frühstück. Als Kind schon, weil ich halt einfach mitgegessen habe. Und dann hat sie mir auch immer was von BEs erzählt. Und dann habe ich mich gefragt: „Was ist das? Was ist das?“ Und es war so, dass ich von zu Hause aus, meine Mutter war Hauswirtschaftsmeisterin, auch immer schon gekocht habe.  

Und ich war am Wochenende immer für den Wochenendkuchen zuständig. Den habe ich dann immer gebacken. Und dann kam irgendwie so das Interesse an Medizin und an Ernährung. Und dann habe ich irgendwann den Beruf der Diätassistentin gefunden in den Blättern zur Berufskunde, habe dann die Ausbildung gemacht am Uniklinikum Essen und habe dann eine Zusatzausbildung in Düsseldorf bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gemacht. Und habe dann angefangen, in Diabeteskliniken zu arbeiten. Und so hat sich dann, glaube ich, das, was ich aus der Kindheit mitbekommen habe, dann in den Beruf übertragen und dabei bin ich dann geblieben.  

Alina Weigelt Also eine sehr lange Entwicklung sozusagen dann. 

Kirsten Metternich von Wolff Ja.  

Alina Weigelt Und dein Blog heißt „Herzwiese“. Wie bist du denn da draufgekommen? Woher kommt denn der Name?  

Kirsten Metternich von Wolff Also, der Blog war ursprünglich ein reiner Back-Blog und hieß damals „Backherz“.  

Also „Herz“ war schon immer so mein Ding und ich habe einen Hund und gehe mit dem gerne alleine übers Feld, weil ich dann die besten Ideen kriege. Und dann lief ich da so und hatte so dieses Wort „Herz“ im Sinn. Und dann sah ich so eine saftig grüne Wiese und habe gedacht: „Herzwiese. Da hängt mein Herz dran.“ Das ist auch der Claim auf meinem Blog.  

So ist das dann gekommen und das hat sich dann erweitert in dem Bereich Backen, bisschen Beauty und Frauengesundheit, einfach weil ich Frauengesundheit sehr wichtig finde. Einmal aus gendermedizinischen Aspekten, aber auch aus meiner eigenen Geschichte, weil ich vor Jahren Brustkrebs hatte und den gut überstanden habe. 

Alina Weigelt Und du bist ja aber auch noch Autorin. Worum geht es denn in deinen Büchern und warum liegt dir das auch so am Herzen?  

Kirsten Metternich von Wolff Also, es gibt aktuell zehn Bücher, die ich selbst geschrieben habe. Drei habe ich lektoriert, unter anderem für einen bekannten Fernsehkoch. Da war auch das Thema Diabetes. Den habe ich dann damals dahingehend geprüft, die Rezepte. Und es ist so, dass dadurch, dass ich im Bereich Diabetes einfach schon ewig lange arbeite, sind auch im Diabetesbereich die meisten Bücher entstanden. In Kürze kommt mein neues Buch raus, das heißt „Blutzuckerfreundlich essen mit und ohne Diabetes“.  

Also das ist für Menschen, die einfach ein bisschen darauf gucken wollen, dass der Blutzucker in Balance bleibt, weil ja auch viele Menschen mit einem Prädiabetes durchs Leben laufen, insbesondere wenn sie älter werden. Und im nächsten Jahr gibt es dann nochmal ein neues Buch, wo es um Frauengesundheit geht.   

Anja Roth Ich glaube, an der Stelle steige ich jetzt mal kurz ein.  

Also zum Thema Frauengesundheit wollen wir dich auf jeden Fall im nächsten Jahr auch noch mal in den Podcast holen. Heute wollen wir aber erst mal das Thema Diabetes in den Fokus setzen.  

Diabetes ist natürlich sehr naheliegend beim Thema Süßstoffe, weil Süßstoffe, also der erste Süßstoff im Grunde älter ist als das Insulin. Süßstoffe sind also seit jeher für Diabetiker die Möglichkeit, zuckerfrei zu süßen und auch ohne Belastung des Blutzuckerspiegels.  

Zeitweise gab es Süßstoff auch wirklich nur in der Apotheke zu kaufen. Das war ganz explizit nur für Diabetiker zu bekommen. Und auch Diabetikerlebensmittel gab es, gab es mal ganz explizit. Auch die gibt es heute in der Form nicht mehr.  

Kirsten Metternich von Wolff Gott sei Dank.  

Anja Roth Aber du sagst gerade schon: Gott sei Dank. Wie würdest du das einordnen? Also diese Geschichte, dass Süßstoff wirklich nur in der Apotheke, nur ganz speziell und es extra für Diabetiker Lebensmittel gab.   

Kirsten Metternich von Wolff Also, im Grunde genommen ist es gut, dass es heutzutage Süßstoff überall zu kaufen gibt, denn es ist nach wie vor so, auch die die Deutsche Diabetesgesellschaft sagt ja, dass Süßstoff in moderater Menge für Menschen mit Diabetes nach wie vor möglich ist. Und es ist ja auch für viele andere so. Also ich kann mich selbst noch erinnern, wie damals die erste Cola light auf den Markt kam.  

In den Achtzigern war ja auch Süßstoff auf einmal so mehr im Fokus der Verbraucherinnen und Verbraucher. Und ich glaube, das war so der Anfang, wie das losging. Und ich finde, es ist eine gute Sache und auch eine Erleichterung für Menschen mit Diabetes, einfach auch, um den Blutzucker in Balance zu halten. Und auch das Gewicht. Da trägt es ja auch einen enormen Beitrag zu, wenn man jetzt mal zum Beispiel ans Dessert oder ans Backen oder auch sonst ans Kochen oder auch mal an ein Getränk denkt, wo also ein Süßstoff drin sein kann. Das ist also sicherlich auch nach wie vor eine Erleichterung in der Diabetestherapie ist.  

Anja Roth Es gibt ja wirklich eine ganze Menge Menschen, die an Diabetes erkrankt sind. Weltweit sind das 425 Millionen Erkrankte und davon 95 % mit Typ-2-Diabetes. Da kann man ja schon wirklich von einer globalen Herausforderung sprechen.  

Kirsten Metternich von Wolff Absolut. 

Anja Roth Und die Deutsche Diabetes-Gesellschaft hat auch jetzt kürzlich noch gesagt, dass die Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die mit Typ-2-Diabetes erkrankt sind, auch noch mal gestiegen ist.  Wie nimmst du diese Entwicklung in den letzten Jahren wahr?  

Kirsten Metternich von Wolff Also, es ist eine sehr erschreckende Entwicklung, und ich vergleiche das immer so ein bisschen mit einem Auto, das keine Bremsen hat. Es rast halt immer weiter und es gibt keinen Stopp. Leider. Also es ist so, dass die Zahl der Menschen mit Diabetes, insbesondere Typ-2-Diabetes, auch immer weiter steigen wird.  

Also die Prognosen sind ja immer weiter nach oben gehend, was natürlich auch mit dem Lebensstil zusammenhängt. Und wie du schon sagst, Anja, die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Typ-2-Diabetes nimmt halt auch rasant zu. Also ich kann mich erinnern, vor 20 Jahren war es so, dass es ganz wenig Kinder mit Diabetes gab.  

Da war auf dem Kongress dann die Rede von einem 5-jährigen Kind in Deutschland, das also enorm adipös war und einen Typ-2-Diabetes entwickelt hat. Das war damals ein Novum. Heutzutage ist es leider gang und gäbe und das Schlimme ist oftmals auch, dass das Wissen auch bei den Eltern fehlt und nicht genügend aufgeklärt wird und dadurch sind die Kinder da wirklich hilflos ausgeliefert.  

Alina Weigelt Wir haben jetzt ja auch schon ziemlich oft den Begriff „Diabetes“ gehört. Was ist dann eigentlich genau Diabetes?   

Kirsten Metternich von Wolff Also teilt Diabetes, ganz grob gesehen, in zwei verschiedene Typen auf. Das ist zum einen der Typ-1-Diabetes, der also im Kinder-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter auftritt. Hier ist es so, dass es von Anfang an einen absoluten Insulinmangel gibt. Also Insulin ist ja das Hormon, was praktisch als Schlüsselhormon für den Zucker im Blut gedacht ist und wird in der Bauchspeicheldrüse produziert.    

Bei den Menschen mit Typ-1-Diabetes ist es so, dass die Bauchspeicheldrüse also kein Insulin produziert. Das heißt, die Menschen müssen lebenslang Insulin von außen dem Körper geben. Das geht aktuell nicht über Tabletten oder über Nasenspray, was ja immer wieder diskutiert wird, sondern es geht nach wie vor über die Insulinspritze, den Insulinpen oder auch die Insulinpumpe. Das ist eine lebenslange Erkrankung und das ist aber der prozentual kleinere Teil, also 5 % der Gesamtzahl an Diabetes-Erkrankten.  

Alina Weigelt Und die hat man aber auch von Geburt an? 

Kirsten Metternich von Wolff Kann sein. Also, es ist so: Bei manchen ist es im Kleinkindalter, manche entwickeln das in der Jugend oder auch im jungen Erwachsenenalter. Es gibt auch Situationen, die dazu beitragen können. Zum Beispiel weiß ich aus der Praxis, wenn jetzt eine Prüfungssituation ist, ein Unfall, eine starke Infektion, dass das also der Auslöser war, dass der Typ 1-Diabetes dann praktisch auf einmal da ist. Also, das ist auch der Diabetes.  

Viele kennen das ja so, dass sie sagen: „Auch wenn einer Diabetes hat, der nimmt dann ganz, ganz viel ab.“ Das ist ganz typisch bei Menschen mit Typ-1-Diabetes, dass sie, wenn die dann Insulin benötigen, ganz viel an Gewicht oftmals abnehmen und auch nicht mehr von der Toilette runterkommen, weil die permanent das, was sie trinken, dann auch gleichzeitig wieder mit dem Urin ausscheiden. Das ist die eine Form des Diabetes. 

Dann gibt es die ganz große Gruppe der Menschen mit Typ-2-Diabetes. Früher sagte man auch: „Das ist der Altersdiabetes.“ Aber das ist völlig hinfällig. Also heutzutage hat man als Zweitnamen zum Typ-2-Diabetes, bezeichnet man den als Lifestyle-Diabestes. Und Lifestyle sagt ja schon, dass das ganz, ganz viel mit unserem Lebensstil zu tun hat.    

Der war früher eingegrenzt für Menschen, die halt 50 plus waren, als Beispiel. Aber heute hatten wir ja gerade eben schon, ist es so, dass leider auch Kinder und Jugendliche schon diesen Typ-2-Diabetes bekommen können. Viele Frauen in der Schwangerschaft haben zum Beispiel einen Gestationsdiabetes. Bei 60 bis 70 % dieser Frauen ist es so, dass die dann in späteren Jahren daraus einen Typ-2-Diabetes auch entwickeln.  

Und oftmals ist es so, dass, wenn jetzt jemand einen Typ-2-Diabetes bekommt, man auch in der Familienanamnese schon Menschen mit Typ-2-Diabetes hat, also zum Beispiel meine Oma. Deshalb passe ich da auch immer auf, dass meine Blutzuckerwerte in Ordnung sind. Also das kann sich auch generationsmäßig dann noch mal entwickeln. Und was halt wirklich ganz, ganz wichtig ist, ist der Lebensstil.  

Man kann ganz, ganz viel machen mit einem gesunden, bewegten Lebensstil in Hinblick auf den Typ-2-Diabetes. Aber auch da muss ich sagen, auch wenn es immer wieder anders in den Medien kolportiert wird: Auch ein Typ-2-Diabetes ist eine chronische Erkrankung. Das heißt, auch wenn die Werte sich bessern und man sagt: „Also, die sind jetzt so gut wie bei jemand, der keinen Diabetes hat“, kann es immer wieder sein, dass sie in Schieflage geraten oder durch eine Infektion wieder höher gehen. Oder auch durch mehr Gewicht oder weniger Bewegung. Also, das ist so: Wenn der Diabetes einmal da ist, dann ist er gekommen, um zu bleiben. Leider.  

Und im Schnitt ist es so, dass sechs bis acht Jahre vergehen, bis ein Mensch, der Typ-2-Diabetes hat, überhaupt erst weiß, dass er das hat.  

Alina Weigelt Oh, okay.  

Kirsten Metternich von Wolff Das hängt auch damit zusammen, dass viele Leute nicht regelmäßig zum Arzt gehen und sich einfach mal gesundheitlich durchchecken lassen. Also das Auto wird oftmals mehr gecheckt als der Mensch, leider ist es so. 

Viele Symptome, die mit dem Typ-2-Diabetes einhergehen – Hautveränderungen, Pilzerkrankungen, Müdigkeit und so – die werden auch nicht primär von den Menschen direkt mit einem Typ-2-Diabetes assoziiert und irgendwann kann es sein, dass es durch eine Routineuntersuchung entdeckt wird. Oder man geht zum Beispiel mal irgendwann auf einen Gesundheitstag, lässt sich dann Blutzucker messen, und auf einmal ist er bei 220 und dann erklärt sich, warum jemand schon lange so latent mit irgendwelchen Beschwerden rumgelaufen ist.  

Anja Roth Also das heißt, auch in der Prävention müsste man auf jeden Fall mehr tun. 

Kirsten Metternich von Wolff Auf jeden Fall. Also Prävention ist ein ganz, ganz wichtiges Thema. Ganz kurz noch dazu, da ja Prävention leider heutzutage nicht mehr in dem Maße bezahlt wird wie früher. Ich kenne das noch von vor 20, 30 Jahren, da war das ein ganz anderes Thema. Es gibt natürlich auch viele seriöse Informationen in Social Media oder auch im Internet, aber da kann ich immer nur daran appellieren, sich wirklich seriöse Informationen zu holen.  

Anja Roth Da kommen wir auf jeden Fall auch darauf noch zu sprechen. Also es gibt natürlich viele Medikamente, die eingesetzt werden beim Diabetes, die wollen wir jetzt auch gar nicht alle aufzählen. Das würde auch den Rahmen sprengen. Aber in Sachen Ernährung kann man ja nun auch einiges bewirken, oder? Es ist ja ein Schlüsselfaktor. Hast du da so Mythen im Kopf, was deine Oma vielleicht gesagt oder gemacht hat? Was heute ganz anders ist. Wo man sagen kann, da hat sich echt die Diabeteswelt gedreht. Also mir würde jetzt auch spontan einfallen: Früher, hieß es ja „Zucker“. Man hatte ja nicht Diabetes, man hatte „Zucker“. 

Kirsten Metternich von Wolff Schlimm Zucker.  

Anja Roth Schlimm, Zucker. Ganz schlimm Zucker. Und das war ja so der Fokus, so total nur auf den Zucker eigentlich ausgerichtet.  

Kirsten Metternich von Wolff Also so war das bei meiner Oma auch. Also die hatte auch den Fokus wirklich primär auf den Zucker. Deshalb kam der Süßstoff in den Quark rein. Aber die hat ansonsten relativ normal gegessen, aber die hat auch gespritzt. Dann irgendwann, also ich sehe den Bauch noch vor mir, wo sie dann die Insulinspritze verwendet hat. Es war auch so in der früheren Zeit. Wie du schon sagtest, gab es ja diese sogenannten „Diabetiker-Lebensmittel“ – allein schon der Name. 

Anja Roth Für die Altersdiabetes.  

Kirsten Metternich von Wolff Ja genau, für die Altersdiabetes.   

Anja Roth Aber man wusste immer, was man der Oma zum Geburtstag schenken kann und zu Weihnachten und zu Ostern.  

Kirsten Metternich von Wolff Ja, ja, und ich habe auch im Krankenhaus gearbeitet und das waren so die Standardgeschenke. Statt Blumen lagen dann irgendwelche Diät-Pralinen bei den Leuten. Allein „Diät-Pralinen“. Wenn man sich das mal so auf der Zunge zergehen lässt.  Also, das ist ja schon ein Widerspruch in sich.  

Und das war aber das Verständnis damals. Also man hat gedacht, wenn man jetzt zum Beispiel ganz normal isst und dann dazu die Süßigkeiten durch die Diabetiker-Lebensmittel austauscht, dann ist man tutti mit allem. Und heutzutage ist es ja so: Gott sei Dank hat man dann ja irgendwann herausgefunden, dass diese sogenannten Diabetiker-Lebensmittel einen sehr, sehr hohen Fruchtzuckeranteil hatten.  

Also das war ja auch damals neben Süßstoff das einzige, was als Zuckeraustausch für Menschen mit Diabetes dann auf dem Plan stand. Und heutzutage weiß man ja, dass dieser raffinierte Fruchtzucker, also nicht der Zucker aus den frischen Früchten, aber der raffinierte Fruchtzucker, im Grunde genommen super schlecht ist für die Lebergesundheit. Also man weiß so seit zehn, 15 Jahren ungefähr, dass es viele Menschen gibt, die eine so genannte Fettleber haben, die aber überhaupt keinen Alkohol trinken.   

Und dann hat man halt mal geguckt: Ja, wo kommt das her? Und hat dann halt herausgefunden, zum einen durch Übergewicht, und zum anderen ist es so, dass der Fruchtzucker die Entstehung der Fettleber noch enorm begünstigen kann. Und der ist natürlich in diesen Diabetiker-Lebensmitteln drin gewesen. Und dann hat man die halt irgendwann, unter anderem nicht nur deshalb, aber unter anderem deshalb, vom Markt genommen.  

Und dann ging es darum, dass die Deutsche Diabetes-Gesellschaft gesagt hat, eine kleine Menge an Zucker ist auch für Menschen mit Diabetes möglich. Also heutzutage geht die Empfehlung dahin, 5 bis 10 % – das sind ungefähr 25 bis 50 Gramm Zucker täglich. Das hängt immer auch von der Energiemenge ab. Davon ab Das heißt, wenn jetzt jemand groß und schlank ist, hat er einen höheren Energiebedarf als jemand, der nur 1,50 m oder 1,55 m groß ist und vielleicht mit seinem Gewicht ein bisschen hadert.  

Und wenn man dann zum Beispiel guckt, was die Weltgesundheitsorganisation sagt, die sagt ja zum Beispiel, jeder Mensch sollte nur noch maximal 25 Gramm raffinierten Zucker jeden Tag essen, dann schließt sich das und passt also im Grunde genommen schon wieder zusammen. Nur, diese 25 Gramm Zucker, ich habe das ganz oft schon in Texten auch geschrieben: „Das ist echt sportlich.“  

Also, da kommt man ganz, ganz schnell hin. Da muss man nur Brötchen mit Marmelade essen und vielleicht noch mal ein Stück Schokolade, dann ist man da schon. 

Anja Roth Ja, also es heißt eigentlich, die Empfehlungen für Diabetiker mit Typ-2-Diabetes sind eigentlich gar nicht so fern von dem, was man auch dem Gesunden empfehlen würde. Also, im Grunde ist es ja sehr nahe dran, aber wenn man das wirklich durchzieht mit dem wenigen Zucker, dann schränkt das schon auch die Lebensqualität durchaus ein, oder? Wie empfindest du das bei Diabetikern? Ich höre dann immer ganz viel. Jetzt haben die erst recht Lust auf was Süßes. 

Kirsten Metternich von Wolff Das ist ja sowieso etwas seltsam. Das ist, glaube ich, in der Natur des Menschen. Dinge, die verboten werden, üben ja immer einen enorm hohen Reiz aus. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger und gerade beim Diabetes und dem Zucker.  

Also ich weiß das auch noch aus der Zeit, als ich in Diabeteskliniken gearbeitet habe. Dann haben mir ganz viele Menschen mit Diabetes gesagt: „Ich esse überhaupt nicht süß“ oder „Ich habe nie viel Süßes gegessen.“ Auf einmal habe ich jetzt Lust, dann so was zu essen. Also ich glaube, das ist vielleicht auch so ein bisschen so eine mentale Geschichte, kann unter Umständen auch mit einer Schieflage von Zucker im Blut zusammenhängen.   

Wenn jetzt jemand einen niedrigen Blutzucker hat, dann kann es schon sein, dass er dann auch Bedarf hat. Er braucht dann ja was, um den Blutzucker wieder auszugleichen, weil er vielleicht noch mehr Lust hat, Zucker zu essen. Und ansonsten habe ich aber so in meiner Erfahrung mit Menschen mit Diabetes zweierlei Gruppen erlebt oder erlebe sie immer noch. Es sind zum einen die, die sagen Ach, jetzt lass ich das ganz weg, damit dieses Thema nicht mehr so in meinem Kopf ist. Und sie sind komplett umgestiegen. Entweder essen sie ganz wenig Süßes oder wenn sie halt was Süßes essen, dann nehmen sie irgendwas mit Zuckeraustausch oder Zuckerersatz.  

Und die anderen, die wirklich das Ganze auch berechnen, also die sagen: „Ich möchte auf den Zucker nicht verzichten“, erst dann vielleicht ein bisschen weniger. Und wenn ich Insulin spritze, muss ich natürlich meine Insulindosis entsprechend der Zuckermenge anpassen, die ich dann esse. Ist natürlich auch alles etwas schwierig und fürs Gewicht auf Dauer gerade bei Typ 2 auch nicht gerade förderlich.  

Anja Roth Was würdest du denn so als Praxistipp geben?  

Kirsten Metternich von Wolff Mein Praxistipp im Hinblick auf die Verwendung von Zucker ist: So wenig wie möglich. Wirklich am besten ist so gut es geht selbst kochen, weil man dann immer selbst im Blick hat, was genau und wie viel man jetzt im Lebensmittel drin hat.  

Und wenn man dann mal irgendwo eingeladen ist, dass man dann auch wirklich sagt: „Okay, dann esse ich halt auch mal das Dessert mit Zucker“. Das ist, glaube ich, eine vernünftige Sache. Also versuchen, vernünftig und bewusst damit umzugehen. 

Anja Roth Also eine gute Basis haben, aber durchaus auch Ausnahmen erlauben,  

Kirsten Metternich von Wolff Ja absolut, weil alles, was mit Verboten zu tun hat, das sagte ich ja eingangs schon, das bleibt im Kopf und auch so dieses Gefühl, ich darf das nicht essen.  

Und dann sitzt man da in der Runde und hat ein schönes Essen vor sich und alle essen das Dessert. Und selbst denkt man dann: „Ich möchte jetzt bitte den Käse“, obwohl man den vielleicht gar nicht so gerne isst, und fühlt sich traurig, fühlt sich nicht gut, und das macht ja auch was mit der Seele. Dann ist es, glaube ich, wichtiger zu sagen: „Ich freue mich jetzt, dass ich heute auch das Jahr essen darf.“  Ganz bewusst.  

Anja Roth Jetzt haben wir ja schon so ein bisschen das Thema Prävention mal angesprochen. Es gibt ja jetzt auch, also man hat ja nicht direkt einen Typ-2-Diabetes, sondern es gibt ja viele Stufen noch davor oder auch Zeichen. Was würdest du sagen, wenn ich jetzt wirklich sage, ich möchte mich davor schützen, so gut es geht, oder möglichst frühzeitig sehen, welchen Weg mein Körper da für mich vorgesehen hat oder was da eingeschlagen wird? Was muss ich dann tun?  

Kirsten Metternich von Wolff Also, was natürlich ganz wichtig ist, das kleine Blutbild. Leider ist es ja mittlerweile so, dass die Kassen nur noch alle drei Jahre das kleine Blutbild übernehmen. Das heißt, das sollte man auf jeden Fall in Anspruch nehmen. Also jeder Mensch.   

Anja Roth Das kleine Blutbild. Vielleicht sagst du da noch mal, welche Werte sind da relevant?  

Kirsten Metternich von Wolff Also bei einem kleinen Blutbild sind die Cholesterinwerte, also die Blutfettwerte, dabei, dann der Blutzucker nüchtern und die weißen und roten Blutkörperchen und noch so zwei, drei andere Parameter. 

Also das ist relativ überschaubar, aber man sieht halt schon beim Blutzucker, wie der dann halt nüchtern ist. Aber was ich immer dazu sagen muss, ist: Man muss dann auch wirklich berücksichtigen, wenn ich jetzt also zum Beispiel immer zu Fuß in meine Arztpraxis gehe und mein Blutzucker nüchtern gemessen wird, dann weiß ich genau, ich hatte ja schon eine gewisse Bewegung.  

Also das muss man zum Beispiel auch berücksichtigen, wenn man dann zum Bluttest geht. Also wenn man im Auto fährt bis vor die Praxis und rein, hat man einen anderen Blutzuckerwert, als wenn man jetzt wirklich schon zehn Minuten zu Fuß gegangen ist. Also, das ist die eine Sache.  

Ansonsten gibt es auch die Möglichkeit, dass man sich in der Apotheke mal den Blutzucker messen lässt. Das kostet immer noch in der Regel 1 € und dann kann man das zum Beispiel mal machen lassen. Oder es gibt auch schon mal Gesundheitstage in Apotheken. Momentan ist ja in der Diskussion, dass es sowas auch künftig in Drogeriemärkten teilweise geben soll. Und natürlich auch auf Gesundheitsveranstaltungen, also Gesundheitstagen, die es in jedem Ort immer mal wieder gibt. Da kann man dann zum Beispiel auch mal sich den Blutzucker messen lassen.  

Und was man auch machen kann, natürlich kostet das ein bisschen was. Also so ungefähr 40 €. Ich habe es vor kurzem selbst auch im Zuge der Recherche für mein Buch gemacht. Ich habe halt mal zwei Wochen einen kontinuierlichen Glukosesensor am Arm getragen. Also es sind diese weißen Knöpfe, die man so an den Oberarmen der Menschen sieht. Und anhand dessen lernt man sich wirklich sehr, sehr gut kennen. Also das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Und man bekommt auch noch mal ganz gute Impulse, was man wirklich tun kann, um den Blutzucker aktiv zu beeinflussen. Das ist schon sehr, sehr interessant. Wer wirklich da mal so ein bisschen im Detail das erfahren möchte, dem kann ich das empfehlen, das mal auszuprobieren.  

Anja Roth Ja, sehr schön. 

Alina Weigelt Wusste ich auch noch gar nicht mit den Apotheken, dass man da einfach hingehen kann.  

Kirsten Metternich von Wolff Also das machen viele. Ich kann aus dem Nähkästchen plaudern. Ich habe halt ganz früher, auch noch zu Klinikzeiten und auch danach, noch über so Apotheken Aktionstage gemacht. Also ich habe dann Blutzuckermessungen angeboten. Ich hatte bei jedem Aktionstag bestimmt fünf bis zehn Leute, die dann erhöhte Werte hatten. Denen habe ich dann gesagt: „Hier, so und so sieht der Wert aus.“ Ich schreibe Ihnen den auf. Bitte gehen Sie mit diesem Wert mal zu Ihrem Hausarzt und lassen das noch mal im Detail überprüfen. Und das ist eine echt wichtige und lohnenswerte Sache.  

Wenn die Apotheke das vielleicht nicht direkt macht. Also ich habe es auch schon erlebt, dass sie dann ein bisschen irritiert sind, wenn man dann sagt: „Schauen Sie mal, können Sie mir meinen Blutzucker messen?“, dann kann man vielleicht auch einen Termin mit denen vereinbaren und dann haben die auch ein Blutzuckermessgerät da. Das ist ja eine Sache von fünf Minuten, und das ist schon gut.  

Alina Weigelt Ja, auf jeden Fall auch wichtig zu wissen. Was sind denn sonst noch gute Informationsquellen? Du hast vorhin schon einmal gesagt, Social Media ist immer ein bisschen schwierig, da muss man immer schauen, was man liest. Was würdest du denn empfehlen?  

Kirsten Metternich von Wolff Also, da muss ich jetzt mal Werbung in eigener Sache machen. Ich arbeite ja unter anderem für den Diabetes-Anker, der vorher Diabetes-Journal hieß, und der Diabetes-Anker kommt jeden Monat und da gibt es also wirklich alles Mögliche an Informationen über die Medizin und die Politik. Zehn Seiten Essen und Trinken, die kommen immer von mir. Persönliche Geschichten von Menschen mit Diabetes, Verbandsgeschichten. Also es ist ein ganzes Potpourri an allen Dingen, die für Menschen mit Diabetes sehr, sehr wichtig und interessant sind.   

Anja Roth Ganz kurz: Das ist eine Zeitschrift oder eine Webseite?  

Kirsten Metternich von Wolff Genau, das ist Zeitschriftschrift, aber es gibt auch eine Webseite: diabetes-anker.de. Und es gibt Podcasts und Erklärvideos.  

Also, es ist so: Es gibt einen YouTube-Kanal „Diabetes-Anker“, wo also unsere Mediziner und unsere Psychologen und andere Fachleute Tipps geben. Und ich mache auch jeden Monat ein sogenanntes Erklärvideo, wo ich immer ein bestimmtes Thema habe. Also jetzt zum Beispiel im Februar wird es das Thema Eiweiß sein, warum Eiweiß wichtig ist für Menschen mit Diabetes.   

Und wir hatten jetzt im Dezember das Thema Wein. Das ist auch sehr, sehr freudig angenommen worden. Oder ich hatte was zum Thema Backen im November. Also da gibt es dann jeden Monat was Neues und das sind seriöse und gut recherchierte Informationen, auf die die Menschen mit Diabetes auch vertrauen können.   

Alina Weigelt Weil das ja immer wichtig ist, dass das auch wirklich seriös ist. Wie können denn Verbraucherinnen und Verbraucher feststellen, ob das jetzt eine seriöse Quelle ist oder ob man jetzt nicht in Google auf irgendeinem Blogbeitrag landet?  

Kirsten Metternich von Wolff Wo man immer schon mal so ein bisschen stutzig werden sollte, wenn irgendwo immer nur Werbung ganz klein steht. Also, es ist ja so, dass die Influencerin das heutzutage ja markieren muss mit Werbung, und das ist teilweise auch in Ordnung. Aber wenn es nur noch aus Werbung besteht oder wenn es nur darauf abzielt, dass man irgendwelche Produkte verkaufen will, dann sollte man immer schon sehr vorsichtig sein. Und ich beobachte das jetzt in den letzten zwei, drei Jahren ist ganz massiv geworden, dass also eine gewisse Geschichte erzählt wird, ein Storytelling auf Instagram oder auf Facebook, und man dann ganz, ganz schnell auf die Seite weiter verwiesen wird und dann muss man sich da eine Stunde irgendwas anhören und am Ende wird es dann so sein, dass man irgendwas kaufen soll.  

Und was auch zunimmt, sind unseriöse Versprechen in Richtung Heilung, in Richtung Diabetesheilung, wo bei mir alle Alarmglocken angehe. Oder auch jetzt gerade am Wochenende habe ich etwas am Bahnhof erlebt. Da gab es eine Sonderausgabe eines Diabetes-Ratgeber von einem Verlag und dann gucke ich in dieses Heft rein und sehe erst mal, dass es eine englische Ausgabe war, die einfach nur ins Deutsche übersetzt wurde. Das heißt also auch, die Essgewohnheiten der Briten wurden dann auf unsere übertragen, was nicht möglich ist. Und dann habe ich in die Rezepte geguckt. Da stand dann in den Zutaten als Süße Bio-Honig. Also, warum Bio? Habe ich nicht verstanden und Agavendicksaft. Und Agavendicksaft ist etwas, was ich absolut nicht empfehlen würde für Menschen mit Diabetes, weil da halt der Zuckeranteil fast ausschließlich aus Fruchtzucker besteht.  

Und daran sieht man, auch das können dann halt Dinge sein, die im Grunde genommen nicht seriös sind.  

Alina Weigelt Wenn man sich dann doch mal eine Studie oder Medienberichte durchliest, worauf achtest du da dann immer?  

Kirsten Metternich von Wolff Also ich sage ganz oft: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“, denn es gibt ja oftmals Studien. Ich denke jetzt zum Beispiel mal an diese ganzen Studien im Bereich Zimt. Es gab ja mal eine Zeit lang, dass Zimt so das Gewürz überhaupt war, was Menschen dann nehmen sollten zur Regulation ihres Blutzuckers. Also da kann ich nur drüber lachen. Dann wurden natürlich Zimtkapseln verkauft und diese Studien waren dann immer an sehr, sehr kleinen Probandengruppen. Da haben dann vielleicht zehn, fünfzehn oder zwanzig Probanden teilgenommen, teilweise in asiatischen Ländern, wo ich dann auch denke: Der Körper der Asiaten arbeitet nun mal anders als der der Europäer.  Und das dann eins zu eins zu übertragen, finde ich schon ganz schwierig.  

Und wichtig ist, dass es seriöse Studien sind, dass da eine höhere Anzahl an Probanden dabei ist und dass sie über einen längeren Zeitraum zum Beispiel geht. Das sind so Dinge, die schon mal ein ganz guter Hinweis sind, dass es was Vernünftiges ist, und natürlich auch möglichst von unabhängigen Instituten. Das also nicht Firma ABC jetzt die und die Studie gesponsert hat. 

Anja Roth Ja, da kann man ja dann auch nachsehen, einfach was bei den Fachgesellschaften, also zum Beispiel Diabetesgesellschaft, Adipositasgesellschaft, der Tenor ist.  

Kirsten Metternich von Wolff Ja, die berufen sich ja dann auch auf die Studien.  

Anja Roth Du bist ja auch als Speakerin unterwegs und ich habe dich dabei auch schon erlebt. Genau genommen haben wir uns damals auch mal bei so einer Veranstaltung wirklich persönlich kennengelernt – in Travemünde bei der Diabetes-Sommertour.  

Kirsten Metternich von Wolff Ja genau.  

Anja Roth Und was ich total klasse fand und eigentlich auch sehr mutig. Du lässt die Menschen Zettelchen mit Fragen ausfüllen, stellst dich dann auf die Bühne, zieht diese Zettel dann und beantwortet dann aus dem Stegreif die Fragen.  

Und ich glaube, da gehört schon wirklich auch viel, viel Wissen dazu, dass man das so macht. Und ich weiß auch noch, du hast damals nämlich auch noch zu mir gesagt: „Ich weiß genau, da kommen auch Fragen zu Süßstoffen. Die gibt es immer“. 

Das würde mich jetzt noch interessieren: Was erlebts du da? Was wird zu Süßstoffen da gefragt?  

Kirsten Metternich von Wolff Also Süßstoffe wurden früher nicht so kontrovers diskutiert und betrachtet und bewertet, wie das heute der Fall ist. Also ich sage immer so: Jedes Jahr wird ein anderer Süßstoff wie die Sau durchs Dorf gejagt. Also mal ist es Aspartam, dann ist es Sucralose, dann ist es Cyclamat.  

Also ich versuche, wenn ich solche Fragen bekomme, den Menschen auch die Angst davor zu nehmen. Also viele sind einfach auch verunsichert, weil sie gar nicht wissen. Ja, was ist denn jetzt mit dem Aspartam? Ist das jetzt krebserregend oder nicht? Oder sie werfen auch alle Sachen in einen Topf: Erythrit, Xylit und Mannit. Dann ist auf einmal alles Süßstoff.  

Und was ich auch immer wieder höre: Ja, davon kriege ich einen Blähbauch und davon kriege ich Durchfall. Und dann sage ich immer: „Bei den Süßstoffen passiert das nicht, das ist bei den Zuckerausstoffen der Fall.“ Also das ist das, was am meisten kommt. Und dann kommen natürlich auch so diese typischen Sachen: „Wird in der Schweinemast eingesetzt“ oder „die Süßstoffe machen doch Hunger“, „die machen doch eine Insulinausschüttung“. Also da kann ich ja das ganz klar widerlegen.  

Und auf der anderen Seite haben dann natürlich auch Leute, die sagen: „Nö, also eine kleine Menge an Süßstoff nehme ich schon, die hilft mir schon bei meinem Diabetesmanagement.“  

Aber dadurch, dass einfach so viele falsche Meldungen, gerade auch durch die digitale Welt, grassieren, sind die Leute da halt sehr verunsichert. Und dann gibt es aber auch, ich merke das auch teilweise in meinem persönlichen Umfeld, dass es Leute gibt, die so massiv gegen die Süßstoffe sind. Und da diskutiere ich dann auch nicht, weil das nichts bringt. Also da werden dann irgendwelche Studien herangezogen oder irgendwelche Tipps von irgendwelchen Menschen, denen sie sehr vertrauen. Und das ist dann so wie gegen Windmühlen angehen, das funktioniert nicht.  

Anja Roth Ja, das kenne ich, kommt mir sehr bekannt vor. Es werden ja auch zum Teil diese Mythen wirklich auch über bekannte Bekanntheiten, sage ich mal, und dann übers Fernsehen verbreitet. Das verunsichert natürlich total.   

Was denkst du denn? Was wären so die wichtigsten Punkte, die wirklich Diabetiker über Süßstoffe wissen sollten? 

Kirsten Metternich von Wolff Also das Wichtigste ist, dass sie keine Kalorien haben, keine Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel. Dass sie auch, wie es in der Sweet-Studie ja jetzt auch gerade bestätigt wurde, das Darmmikrobiom nicht schädigen und dass sie auch nicht verantwortlich sind für irgendwelche Beeinträchtigungen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.  

Und was auch wichtig ist: dass sie wohldosiert eingesetzt werden sollten. Also nicht Süßstoff ohne Ende. So wie Zucker auch, da ist es ja auch so, dass man wohl dosiert und kleine Mengen verwenden sollte. Das wäre so das Wichtigste. 

Und dass man, wenn man Süßstoff zum Kochen und Backen nimmt, nicht zu viel direkt nimmt, sondern erst mal mit kleinen Mengen anfängt und sich auch so ein bisschen versucht, ähnlich wie beim Salz auch, diese enorme Süße etwas abzutrainieren. Also das dauert so sechs, sieben Wochen und wenn man dann weniger isst und wenn man dann noch mal was isst, was halt gezuckert ist, dann fällt einem erst mal auf, wie stark gezuckert oder gesüßt das ist.  

Oder dass man zum Beispiel seine Getränkeauswahl primär über Wasser und über Kräutertee, Früchtetee oder auch mal einen Kaffee macht und süßstoffgesüßte Getränke einfach mal so als nettes Getränk zusätzlich trinkt. Und nicht so wie Karl Lagerfeld, der halt im Grunde genommen nur noch mit Süßstoff gesüßte Cola getrunken hat.  

Anja Roth Übrigens: Dazu gibt es auch eine neue Studie. Wir sind gerade dran, die aufzubereiten für Social Media und für die Website, da geht es um alles zum Thema Süße-Gewöhnung. Also auch da lässt sich noch was lernen. Weil das wird ja ganz häufig so gesehen. Und wenn man so viel Süßes hat, dann will man immer mehr Süßes oder gewöhnt sich an Süße oder man kann es sich abgewöhnen.  

Ist gerade auch eine ganz aktuelle große Studie herausgekommen, aber ich will noch nicht so viel verraten.  

Kirsten Metternich von Wolff Interessant.  

Anja Roth Aber du hast eben schon einen schönen Bogen gespannt zum Thema Kochen und Backen. Wir haben ja eben schon gehört: Du schreibst auch Bücher, du entwickelst Rezepte. Und das ist auch immer ein Thema, das ganz häufig an mich herangetragen wird: Backen. Ich glaube alle Welt backt unglaublich viel. Und wie gehst du da vor? Du hast gerade gesagt, man muss mit wenig anfangen. Also, man muss vorsichtig sein. Man kann es ja auch nicht überall einfach so austauschen. Man kann ja den Zucker nicht einfach ratzfatz überall weglassen. Aber wie gehst du da vor?  

Kirsten Metternich von Wolff Also es ist so, dass ich eine Faustregel habe, die ich immer auch weitergebe. Wenn man jetzt zum Beispiel einen Kuchenteig hat, also für einen Kuchen oder auch für Kekse, dann ist meine Faustregel eine Zuckermenge von maximal 100 Gramm. Die sollte man nicht überschreiten. Und alles andere, was man dann noch an Süße braucht, mit kleinen Mengen an entweder Süßstoff oder dem Zuckeraustauschstoff Erythrit ersetzen. Also das sind so die beiden Sachen, die ich empfehle, und bei den Süßstoffen ist es so, dass man da ja auch Dosierungsempfehlungen gibt. 7,5 Milliliter sind entsprechend 100 Gramm oder dann steht das auch auf den Packungen drauf, wie viel man da ersetzen kann.  

Ich mach’s aber eher dann beim Teig so individuell, dass ich dann zwar eine gewisse Menge angebe, zum Beispiel einen halben Teelöffel oder einen Teelöffel plus die 100 Gramm Zucker, und dann aber immer noch mal ein Rezept reinschreibe: „Bitte vorher noch mal abschmecken, ob es Ihnen süß genug ist.“ Und dann entweder belassen oder vielleicht noch ein bisschen was dazugeben.  

Das ist die eine Sache. Dann gibt es natürlich Teige wie Biskuit oder Rührteig, jetzt zum Beispiel zum Frühjahr eine Biscuitrolle oder auch mal einen ganz normalen Zitronenrührkuchen. Der würde dann, wenn man ihn jetzt komplett nur mit Süßstoff macht, nicht ganz so schön fluffig aufgehen. Also da ist es immer ganz gut, noch mal ein bisschen was an Volumen zu haben. Entweder über diese 100 Gramm Zucker oder dann auch über das Erythrit. Das wäre auch eine Möglichkeit, womit man ein Volumen bekommt.  

Bei der Plätzchenbäckerei könnte man den Süßstoff verwenden oder auch wieder eine kleine Menge an Zucker plus Süßstoff. Da habe ich die Erfahrung gemacht, dass, wenn man jetzt den Süßstoff alleine nimmt, der Mürbeteig vom Geschmack her etwas trocken wird, und da kann man auch noch mal ein bisschen was dazunehmen.  

Aber beides ist möglich. Also man kann es komplett ersetzen oder dann wirklich auch zum Teil. Und da ich unterschiedliche Rezepte mache, biete ich immer verschiedene Sachen an. Also ich habe dann immer ein Rezept, wo dann nur der Zuckeranteil drin ist und dann vielleicht noch eine kleine Menge an Süßstoff. Oder ich habe ein Rezept, wo dann Erythrit mit Süßstoff angebe. Oder ein Dessert, was ich komplett mit Süßstoff mache. Also da bin ich sehr breit aufgestellt, einfach auch, um verschiedene Möglichkeiten anzubieten, und dann kann sich jeder das raussuchen, was ihm am besten gefällt.  

Anja Roth Ist ja auch eine Geschmackssache.   

Kirsten Metternich von Wolff Ja, genau.  

Anja Roth Das muss man ja eindeutig so sagen. Das spielt ja auch eine entscheidende Rolle. 

Kirsten Metternich von Wolff Genau. Gerade wenn man jetzt bei den Süßstoffen an Stevia denkt, da weiß ich auch, ich habe halt mal ein Backbuch zum Thema Stevia geschrieben und habe da viel mit experimentiert und weiß heutzutage, je nachdem, wie man das mischt, mit Zucker oder auch mit Erythrit, dann ist dieser enorme lakritzige Süßgeschmack gar nicht da. Aber wenn man es jetzt einzeln nimmt oder das halt nur zum Beispiel ins Getränk, ist es meistens nicht so, dass es schmeckt. Also ich hatte es auch schon, dass Leserinnen mir dann geschrieben haben: „Ja, das hat überhaupt nicht geschmeckt, ich habe den ganzen Kuchen weggeschmissen“. Und habe nur gedacht: „Schade drum, hättest du besser mal ein bisschen dann gemischt.“  

Anja Roth Wobei ich auch glaube, dass die Stevia-Produkte heute auch einfach geschmacklich ein bisschen besser sind, zu dem, wie sie ganz am Anfang waren. 

Kirsten Metternich von Wolff Ja, das stimmt.  

Anja Roth Wer das damals direkt so ausprobiert hat nach der Zulassung, der probiert es vielleicht nicht noch mal aus. Obwohl, es würde, glaube ich, lohnen.  

Kirsten Metternich von Wolff Ich glaube auch, das stimmt.  

Alina Weigelt Hast du denn ein persönliches Lieblingsrezept beim Backen oder beim Kochen?  

Kirsten Metternich von Wolff Es ist schwierig, nur eins rauszusuchen, weil ich schon so ein paar Sachen habe, die es total gerne mag. Also wenn ich jetzt an Plätzchen denke, alles gerne mit Nüssen und mit Schokolade. Und beim normalen Backen liebe ich alles mit Zitronen. Also Zitronenkuchen, Zitronen-Biskuitrolle, Zitronen-Tarte. Also, das finde ich superlecker. Und die Zitrone begleitet mich auch in der pikanten Küche. Also ich kaufe öfter schon mal Zitronen mit essbarer Schale und mache dann zum Beispiel eine Fischsauce oder Fenchel und diese Zitrone schneide ich dann in kleine Stücke und mach die dann dazu. Das sind so Sachen, die ich sehr gerne so esse. Und alles Asiatische mag ich gerne. 

Alina Weigelt Machst du den Zitronen-Biskuit dann auch mit Süßstoff? 

Kirsten Metternich von Wolff Den mache ich mit Erythrit und mit Süßstoff gemischt. Weil der Biscuitteig bekommt nur mit dem reinen Süßstoff nicht das Volumen, was er haben muss. Und das klappt aber in der Kombination aus dem Zuckeraustauschstoff Erythrit und Flüssigsüße.   

Anja Roth Und du kannst auch die Füllung mit Süßstoff machen, oder? 

Kirsten Metternich von Wolff Ja genau, die Füllung mache ich dann nur mit dem Süßstoff. Also für den Teig, nehme ich diese Kombi und für die Füllung nehme ich den Süßstoff.   

Alina Weigelt Hast du denn noch Tipps für Einsteigerinnen und Einsteiger? Wenn man jetzt anfängt, mit Süßstoffen zu backen?  

Kirsten Metternich von Wolff Ja, also dann würde ich, auch wenn wir wissen, dass der Stevia mittlerweile softer ist vom Geschmack her, würde ich jetzt aber nicht unbedingt mit Stevia anfangen, sondern mit der ganz klassischen Flüssigsüße. Oder wenn man jetzt irgendwas macht mit Flüssigkeiten passt die Sucralose sehr gut. Also die wird ja auch oft in fertigen Produkten angewendet. Wenn man mal in die Zutatenliste guckt, findet man bei Getränken oder bei Milchprodukten auch die Sucralose. Das ist eine gute Sache, weil die halt sehr harmonisch ist mit den Getränken.  

Und ich finde es immer wichtig, mit kleinen Mengen anzufangen, nicht zu überdosieren und das ist so eine ganz gute Sache. Und auch beim Backen, gerade beim Backen, weil man da schon ein bisschen was ausprobieren muss, sich dann wirklich genau an die Rezepte zu halten, auch an die Mengen. Dann kann man in der Regel sicher sein, dass es auch funktioniert.  

Anja Roth Ich denke, das Ausprobieren sollte man den Profis überlassen. Und jetzt erst mal genau das nehmen, was es an fertigen Rezepten gibt.  

Kirsten Metternich von Wolff Ja, ganz richtig.  

Anja Roth Also wir werden auf jeden Fall auch auf deine Bücher natürlich hinweisen. Also brauchst du dir jetzt keine Sorgen machen. Ich glaube, wir haben heute super viel Einblick in deine Arbeit und in ganz viel Wissen rund um Diabetes bekommen.  

Kirsten Metternich von Wolff  Sehr gerne, hat mir sehr viel Freude gemacht. Ich stehe so in meinen Gedanken schon und bin am Kochen.  

Alina Weigelt Dann würde ich sagen, kommen wir jetzt noch zu unserem Faktencheck: Süß und knackig.

Fakt 1: Grob teilt man den Diabetes in Typ 1 und Typ 2 ein. Bei Typ-1-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr. Typ-2-Diabetes ist unter anderem abhängig von Lebensstil, Genetik und Alter.  

Fakt 2: Oft vergehen Jahre, bis Diabetes Typ 2 erkannt wird. Hier ist Prävention entscheidend. Ein kleines Blutbild mit Nüchternblutzucker oder ein gezielter Blutzuckertest in der Apotheke können frühzeitig Klarheit schaffen.  

Fakt 3: Wer mehr Informationen zu Diabetes sucht, sollte auf seriöse Quellen wie den Diabetes-Anker oder Informationen der Fachgesellschaften zurückgreifen. Vorsicht ist bei Social-Media-Beiträgen und Webseiten mit offensiver Produktbewerbung oder Versprechen einer Heilung geboten.  

Und Fakt 4: Für Menschen mit Diabetes gilt: Süßstoffe haben keine Kalorien, keinen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel und beeinträchtigen das Darmmikrobiom nicht. Sie können daher in moderaten Mengen ohne Bedenken verwendet werden.  

Dann sind wir auch schon am Ende angekommen von unserer Folge. Liebe Kirsten, vielen Dank für Deine Infos, dass er wieder sehr informativ und auch an Dich, Anja, vielen Dank! 

Anja Roth Es hat auch mir super viel Spaß gemacht und ich habe natürlich auch wieder was dazugelernt und freue mich auch heute schon auf den nächsten Podcast mit dir zum Thema Frauengesundheit. Ich hoffe, du bist dabei?  

Kirsten Metternich von Wolff Natürlich.  

Anja Roth Sehr schön.  

Kirsten Metternich von Wolff Also es war mir auch eine große Freude und ich hoffe, dass ich zur seriösen Aufklärung beitragen konnte.   

Alina Weigelt Auf jeden Fall und natürlich auch danke an alle Hörerinnen und Hörer. Und wir freuen uns schon auf die nächste Folge. Bis dann!