Folge #25: More Nutrition – wie entsteht ein zuckerreduziertes Lifestyle-Produkt?
Zu Gast: Nicolas Lother, Chief Product Officer bei The Quality Group
„Produkte müssen im Alltag funktionieren, sonst bringen sie nichts.“ Mit diesem Satz beschreibt Nicolas Lother, Chief Product Officer bei The Quality Group, seinen Anspruch an Ernährungslösungen: Sie sollen gut schmecken, wissenschaftlich fundiert sein und sich ohne großen Aufwand in den Alltag integrieren lassen. Sein Team arbeitet genau an dieser Schnittstelle – zwischen Genuss, Evidenz und praktischer Anwendung.
In dieser Podcast-Folge spricht Moderatorin Alina Weigelt gemeinsam mit Ernährungsexpertin Anja Roth mit Nicolas Lother über eine innovative Produktentwicklung – von der ersten Idee über die wissenschaftliche Grundlage bis hin zur finalen Rezeptur. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich süße Ernährung neu denken lässt: weg vom klassischen Verzichtsdenken, hin zu Alternativen, die geschmacklich überzeugen und zu realistischen Alltagsgewohnheiten passen.
Wie entstehen neue Ernährungstrends? Was macht heute ein gutes Produkt aus? Und welche Verantwortung tragen Unternehmen, wenn es um evidenzbasierte Ernährung geht? Diese und viele weitere Fragen beantwortet die aktuelle Folge – kompakt, fundiert und mit Einblicken hinter die Kulissen einer der erfolgreichsten Marken im Bereich Performance und Lifestyle-Food.
Transkription der Folge:
Folge #25: More Nutrition – wie entsteht ein zuckerreduziertes Lifestyle-Produkt?
Alina Weigelt Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von “So! Was? Süßes.”, dem Podcast rund um das Thema süße Ernährung. Mein Name ist Alina Weigelt und mit mir im Studio ist Anja Roth, Ernährungswissenschaftlerin, Süßstoffexpertin und Ansprechpartnerin beim Soester Verband. Hallo Anja.
Anja Roth Hallo.
Alina Weigelt 2025 ist ein besonderes Jahr für uns. Der Süßstoff-Verband feiert 55 Jahre. Ein guter Anlass, um zurückzublicken und nach vorne zu schauen.
Anja, gib unseren Hörerinnen und Hörern doch mal einen kurzen Rückblick.
Anja Roth Ja, der wird wirklich mega kurz. Was ganz wichtig ist: 1970, als der Züchterverband gegründet wurde, da war Süßstoff eigentlich in erster Linie so gedacht, um Tee und Kaffee zu süßen. Da gab es also diese Süßstofftabletten, wie wir die heute natürlich auch noch kennen.
Zwischenzeitlich gibt es aber jede Menge Produkte mit Süßstoffen. Zum Beispiel: kalorienfreie Softdrinks oder auch zahnfreundliche Kaugummis oder Bonbons, aber auch Energieriegel und Proteinprodukte. Und da kommen wir auch schon ein bisschen in die Nähe unseres heutigen Gastes.
Alina Weigelt Genau. Denn heute sprechen wir mit jemandem, der Süßstoffe täglich in genau solchen innovativen Produkten einsetzt. Nicolas Lother, Produktchef bei The Quality Group, zu der die Marken ESN und More Nutrition gehören.
Stell dich doch einmal bitte selbst vor, was machst du und wer bist du?
Nicolas Lother Genau. Also, wie gerade schon angekündigt: Nicolas Lother. Die meisten nennen mich einfach nur Nico. Ich bin Produktchef bei The Quality Group und damit verantwortlich für unsere übergeordnete Produktstrategie, für die Produktentwicklung, für unsere Produktportfolio-Roadmap, die ganzen Innovationsentwicklungsprozesse, auch Lebensmittelrecht, Food Regulatory. Und PR und Kommunikation sind auch noch bei unserem Produktbereich angesiedelt.
Alina Weigelt Dein Weg in die Lebensmittelbranche ist ja etwas Besonderes. Du hast ja gar nicht in diesem Bereich angefangen. Wie war das denn?
Nicolas Lother Ja, ich habe ein bisschen einen nichtlinearen Lebenslauf, glaube ich. Ich habe nach dem Abitur bei der Polizei erst mal angefangen und war zehn Jahre sozusagen Staatsdiener bei der Polizei in Bayern. Da habe ich verschiedene Stationen durchgemacht. Aber dieses Thema Ernährung, Selbstoptimierung im Kontext Sport hat mich damals so interessiert, dass ich weiterhin drangeblieben bin und mich da autodidaktisch fortgebildet habe und dann auch eine nebenberufliche Selbstständigkeit in dem Bereich angefangen habe.
Erst einmal ein bisschen was anderes, nämlich erst das Schreiben von Blogs und Social Media Content usw. zu Produkten, zu Ernährungsthemen und über diese Social-Media-Tätigkeit und das Blogschreiben bin ich dann in die Unternehmensberatung reingegangen, insbesondere von Start-ups im Zusammenhang mit Produktkonzeption und Produktentwicklung. Und so hat sich das Ganze dann ergeben. Vom Polizisten jetzt zum Produktchef bei The Quality Group.
Anja Roth Du hast jetzt schon mehrmals über The Quality Group gesprochen: Was genau macht ihr denn für Produkte? Was entwickelt ihr denn da?
Nicolas Lother Zusammenfassend kann man sagen: Bei The Quality Group entwickeln wir vor allen Dingen wissenschaftlich fundierte Produkte, Ernährungslösungen, die Alltagstauglichkeit, Gesundheit und Leistungsfähigkeit verbinden, also die Gesundheitsunterstützung und Leistungsfähigkeitsunterstützung.
Aktuell haben wir im deutschsprachigen Raum insbesondere zwei große Marken, das sind ESN und More Nutrition. ESN fokussiert sich auf Sporternährung, Ernährung, die insbesondere sportlich aktive Menschen im Alltag unterstützt, aber auch professionelle Athleten. Da kommt ESN nämlich eigentlich her.
Und More Nutrition steht für Produkte, die das Abnehmen einfacher machen, das Gewichtsmanagement einfacher machen, indem wir die unnötigen Kalorien, ganz grob gesagt, rausschmeißen und dafür funktionelle Zutaten integrieren und dafür sorgen, dass es trotzdem noch lecker bleibt.
Anja Roth Du hast gerade schon gesagt: In Deutschland sind das die beiden Marken. Seid ihr denn auch noch in anderen Ländern aktiv?
Nicolas Lother Ja, seit diesem Jahr sind wir auch noch in den USA aktiv. Wir haben in den USA RAW Nutrition, auch eine Sportnutritionbrand akquiriert. Die sind jetzt zu uns in die Group gekommen und dadurch haben wir dann auch noch US-Marktzutritt und sind dort auch vertreten.
Anja Roth Und was ist mit Österreich, Schweiz?
Nicolas Lother Zähle ich zum deutschsprachigen Raum, also das sind wir auch mit ESN und More Nutrition mittlerweile sehr gut vertreten – mittlerweile auch in den Niederlanden. Also Internationalisierung findet jetzt seit ein, zwei Jahren statt. In den Niederlanden ist man mit ESN auch schon sehr, sehr gut vertreten. Schon da gehören wir zu den Top-3-Anbietern in unserer Kategorie und More Nutrition wird jetzt auch nach und nach internationalisiert.
Anja Roth Kurze Frage. Warum seid ihr eigentlich Mitglied im Süßstoff-Verband geworden? Es hat uns natürlich sehr gefreut.
Nicolas Lother Ja, weil, und das kennt ihr noch länger und wahrscheinlich noch besser als wir, wir im Zusammenhang mit Süßstoff immer mal wieder Themen haben, die auch übergeordnete Interessengemeinschaften, Verbände betreffen, und insbesondere Politik. Und wir jetzt mittlerweile eine Unternehmensgröße haben, bei der wir uns auch in der Pflicht und Verantwortung sehen, uns in Verbänden zu engagieren und uns nicht nur zu beschweren – über Regulationen –und unser Start-up-Dasein vor uns hinzuleben, sondern uns aktiv zu engagieren in Interessenverbänden um eben dieses Süßstoff-Thema, weil es einfach ein extrem großer Hebel ist, in der modernen Ernährung weiter voranzubringen, um Zucker und damit Kalorien zu reduzieren.
Anja Roth Ja, herzlichen Dank dafür, dass ihr uns da unterstützt. Auf jeden Fall auch. Und ich kann bestätigen, ihr bringt ja auch wirklich Power mit rein in den Verband.
Dann mal zurück zu eurem Unternehmen. Wie ist denn so eure Philosophie überhaupt hinter den Produkten?
Nicolas Lother Bei uns die Philosophie ist grundsätzlich immer der Pfeiler, keinen Bullshit zu machen. Also unsere Produkte haben immer eine ernährungswissenschaftliche, evidenzbasierte Grundlage. Das ist ganz, ganz wichtig. Kein Hype, sondern wirklich evidenzbasiert und eine wissenschaftlich basierte Grundlage.
Und dann schauen wir, je nachdem, für welche Marke. Jetzt mit More Nutrition mal angefangen, dass wir große Produktkategorien nehmen, die negative ernährungsphysiologische Effekte auf die Bevölkerung – zum Beispiel sehr zuckerreiche Lebensmittel, sehr fettreiche Lebensmittel, proteinarme Lebensmittel und ballaststoffarme Lebensmittel. Und die dann zu optimieren, wobei wir die Convenience und den Geschmack erhalten wollen, sodass die Produkte theoretisch eins zu eins in der Verbrauchergewohnheit ausgetauscht werden können und damit dann auch wirksam sind. Weil so diese idealistischen Vorstellungen „Wir essen jetzt alle nur noch Gemüse und mageres Fleisch und Fisch oder am besten pflanzlich usw.“ – das ist alles schön, aber das ist halt nicht praktikabel.
Und Ernährungslösungen wirken halt dann, wenn sie im Alltag integrierbar sind und praktikabel sind, und große Probleme lösen. Großes Problem ist der Zuckerkonsum, unstrittig. Ein großes Problem sind zu wenige Ballaststoffe in der Ernährung und auch beim Protein gibt es verschiedene Meinungen. Aber wenn man mit Experten spricht, vertragen auch die meisten Menschen ein bisschen mehr Protein, um von den Vorteilen profitieren zu können.
Und bei ESN ist es ein bisschen anders. Da schauen wir, dass wir eben im Bereich Sport und Ernährung wirklich vom Hobbyathleten bis zum Profisportler mit unseren Ernährungsprodukten unterstützen, Adaption, Performance. Und auch den anstrengenden Ernährungsalltag von solchen Sportlern, der ja sehr viel Disziplin fordert, da auch zu unterstützen und ein bisschen einfacher zu machen.
Anja Roth Würdest du sagen, dass das auch so die Hauptpunkte sind, die euch von der Konkurrenz abheben?
Nicolas Lother Ja, kurz gesagt, ja. Es ist wirklich so. Ich meine, ich bin jetzt auch schon seit ein paar Jährchen in der Branche drin, habe verschiedene Unternehmen auch beraten, damals als Freelancer. Und das, was wir uns aufgebaut haben, auch mit dieser wissenschaftlichen Expertise und auch mit dem Qualitätsanspruch, das ist schon ziemlich einzigartig.
Also, wir haben schon sehr, sehr lange, da waren wir auch deutlich kleiner, schon ein interdisziplinäres Team aus Ernährungswissenschaftlern, Medizinern, Lebensmittelchemikern und Technologen im Team gehabt, um eben Lösungen zu entwickeln, die nicht von der Stange sind, die nicht von einem der vier, fünf großen Lohnhersteller zum Beispiel aus Deutschland kommen, sondern wo wir wirklich Innovation betreiben.
Alina Weigelt Wir haben ja einige Produkte von More Nutrition hier auch bei uns auf dem Tisch stehen, eine kleine Auswahl.
Wenn man da durchguckt, gibt es ja viele verschiedene Varianten, wenn ich jetzt einfach mal ein paar Sachen rausnehme. Wie kommt ihr denn auf eure Produktideen?
Nicolas Lother Da kommt tatsächlich ganz, ganz viel aus der Community. Also, wir sind ja quasi eine Brand, jetzt seitens More Nutrition, aber auch ESN, die aus der Community entstanden ist. Also das Ganze war ein Community-Projekt, einfach weil die Gründer damals nichts am Markt gefunden haben, was den Ansprüchen genügt.
Und dann wurde halt aus der Community heraus die Marke gegründet und die ersten Produkte entwickelt – Community-Wünsche. Und so kommen auch tatsächlich die allermeisten Ideen rein von unserer Community. Influencer, die halt die Community repräsentieren, Ideen hineingeben, Wünsche reingeben und mit denen wir dann auch wirklich die Produkte gemeinsam iterativ entwickeln.
Alina Weigelt Das heißt, Social Media ist da auch ein großer Baustein bei der Produktentwicklung bei euch?
Nicolas Lother Ja, hat eine sehr, sehr große Bedeutung bei der Produktentwicklung. Social Media ist für uns der direkte Draht und die Schnittstelle zu unseren Kundinnen und Kunden. Und das ist auch einzigartig. Und da haben wir auch einen großen Vorteil gegenüber anderen Unternehmen, weil wir uns wirklich mit einem Großteil, mittlerweile Millionen von Menschen, fast auf täglicher Basis austauschen können, Meinungen erfragen können und direktes Feedback nach einem Product-Launch bekommen. Somit ist es super, super wichtig für uns.
Alina Weigelt Und wie läuft dann so ein Entwicklungsprozess ab? Also wie kann man sich das vorstellen, von der Idee bis zum Product-Launch?
Nicolas Lother Ja, mittlerweile recht strukturiert. Früher zu den Start Up-Zeiten sehr, sehr opportunistisch und ein bisschen chaotisch. Mittlerweile ist es so, dass wir unseren Ideation Channel haben, also wir mittlerweile auch Market Research als Ideation Channel. Aber es ist nach wie vor so, dass 80–90 % der Produktideen über Social Media reinkommen und dann läuft das durch so einen Stage-Gate- Prozess, wo die Ideen in einem Komitee ausgewählt werden und die besten werden dann zu einem Konzept entwickelt und das Konzept geht dann in die Produktentwicklung ein.
Da entwickelt zum einen das Product Department, also mein Team, dran und zum anderen die Teams, die Marketingteams von den Generalmanagern der Marken. Dann werden die Konzepte ausgearbeitet. Dann geht es um die Produktentwicklung und dann sind wir und unsere tollen Product-Entwicklerinnen und Product-Entwickler, die je nach Kategorie dann anfangen, die Produkte zu entwickeln als Prototypen.
Und die Prototypen gehen dann ins Testing und bei uns nicht in irgendwelche anonymen Testerpanels, sondern die werden erst mal intern verkostet, mit unserem internen Testerpanel. Und dann gehen die raus an unsere Influencer und dann geben die knallhartes Feedback, ob es denen schmeckt, ob’s taugt, ob sie die Produktattribute mögen oder nicht. Und dann kann es auch mal sein, dass wirklich so ein Prototyp von einem neuen Geschmack alleine 50 Runden dreht, bis er dann akzeptiert wird, von den Influencern, dass die auch wirklich sagen: „Okay, da stehe ich mit meinem Gesicht dafür.“ Und dann wird es freigegeben und dann wird die Rezeptur geloggt und dann geht’s ab in die Produktion.
Anja Roth Ja, cool. Warum benutzt du denn da überhaupt Süßstoffe? Dumme Frage, aber ich will es einmal von dir hören.
Nicolas Lother Weil wir eine No-Edit-Zucker-Policy haben bei More Nutrition, weil zugesetzter Zucker salopp gesagt das Dümmste ist, was man machen kann in Produkten, wenn man es eben mit kalorienfreier Süße entsprechend ersetzen kann. Also es macht einfach auf keiner Ebene Sinn, heutzutage noch Zucker in Lebensmittel nur der Süße wegen hinzuzufügen und damit dem Körper zu schaden.
Anja Roth Habt ihr eine Präferenz bei den Süßstoffen? Was ihr da verwendet?
Nicolas Lother Also wir verwenden immer verschiedene Süßungsmittel, aus verschiedenen Gründen. Einzelne Süßungsmittel haben in der Regel nicht exakt das Süße-Profil von Zucker. Somit muss man da schon mal ein bisschen Süßungsmittel kombinieren, um dieses Süße-Profil hinzubekommen. Also, wann kommt das Süße, wann lässt es wieder nach und wie schmeckt das.
Und zum anderen versuchen wir auch, durch eine Diversifikation von Süßungsmitteln so niedrig wie möglich bei den ADIs zu bleiben, der einzelnen Süßungsmittel. Und deswegen verwenden wir hauptsächlich Stevioglycoside, Sucralose, Acesulfam-K als High-Intensity-Sweetner, und dann Polyole, wenn man noch ein bisschen Volumen braucht und diese technologischen Zuckereigenschaften, da wird dann in der Regel Erythrit oder Maltit verwendet.
Aspartam würden wir aus rein wissenschaftlicher Perspektive auch verwenden, ehrlich gesagt. Aber der Ruf ist leider so ruiniert von Aspartam, dass da auch mit der Education-Power, die wir haben, und Aufklärung, was wir trotzdem machen, obwohl wir es nicht verwenden, das leider schwer hinzubekommen ist, dass da wieder diese Verbraucherakzeptanz entsteht, insbesondere in der Gruppe von Leuten, die ernährungsbewusst sind. Das ist ein bisschen schade, da wurde viel kaputtgemacht.
Anja Roth Ja, da sind wir auch eigentlich schon bei dem Punkt: Wie geht ihr denn mit Mythen um? Und übrigens danke, dass ihr wenigstens nicht auf eure Produkte draufschaut. Da steht: „Ohne Aspartam“, weil das finde ich nämlich auch immer noch mal einen draufgesetzt. Aber wie geht ihr damit um? Mit Kritik an den Produkten?
Und ich glaube, die gibt es ja durchaus, auch wenn man ehrlich ist, wenn man das verfolgt, in den sozialen Medien. Man liest über euch.
Nicolas Lother Man liest über uns, man liest sehr viel über Süßstoffe. Ja, wahrscheinlich auch im Kontext mit uns, weil wir da, ich will es nicht sagen, aggressiv, aber sehr proaktiv in die Aufklärung gehen.
Und das ist auch das Stichwort. Also, wie entgegnen wir der Kritik? Einfach durch Transparenz und Aufklärung und mit Beweisen. Also wir behaupten nicht, sondern wenn wir sagen wie: „Die Süßstoffe sind unbedenklich, die eignen sich zum Gewichtsmanagement und die sind auch bei Typ-2-Diabetes eine anerkannte Strategie und Methode, um eben Zucker und damit das Ganze zu reduzieren“, dann belegen wir das und klären auf.
Immer wieder, immer wieder. Wir versuchen dabei immer, die Sprache unserer Community zu sprechen, damit die es auch verstehen, und trotzdem aber diesen wissenschaftlichen Kontext bereitzustellen. Und das unterscheidet uns, glaube ich, auch. Und da würde ich auch von den normalen Populärmedien ein bisschen mehr erwarten. Diesen Kontext und diese evidenzbasierte Berichterstattung und nicht einfach nur Meinungsmache.
Anja Roth Ja, das wünsche ich mir seit 25 Jahren, in denen ich jetzt schon für den Süßstoff-Verband tätig bin. 55 Jahre gibt es den Süßstoff-Verband schon und genau das ist leider immer noch unser Problem. Aber ich bin froh, dass ihr da auch dran seid, und gemeinsam kriegen wir das vielleicht dann sogar mal hin.
Alina Weigelt Ihr verkauft heute sehr erfolgreich. Bei Messen stehen die Leute teilweise wirklich lange an, um auch auf eure Stände zu kommen. Wie erreicht ihr denn eure Zielgruppe?
Nicolas Lother Über Social Media nach wie vor ganz, ganz viel. Aber mittlerweile auch, weil wir jetzt eine Größe haben, bei der Social Media alleine nicht mehr ausreicht und bei der man sich auch breiter aufstellen möchte, auch über offline. Also, wir sind im Einzelhandel jetzt mittlerweile ganz gut vertreten und dort auch in Person vor Ort mit verschiedenen Aktionen und natürlich auch über klassische PR und Kommunikation.
Öffentliche PR ist mittlerweile auch wichtig für uns und da versuchen wir auch, mit Medien zusammenzuarbeiten, um eben denen mehr Wissen vor allem an die Hand zu geben, ein breites Wissen, damit die nicht in unserem Sinne Bericht erstatten, aber einfach auch noch entsprechende Fakten aufbereitet an die Hand bekommen, um ausgewogener, würde ich jetzt sagen, zu berichten. Und das hat mittlerweile auch eine relevante Rolle eingenommen.
Alina Weigelt Hat sich das denn in den letzten Jahren verändert, also jetzt auch im Unterschied zu ESN oder More? Oder war das schon immer gleich?
Nicolas Lother Also ja, das war schon immer so, dass Community-Foren und jetzt eben Social Media der Zugang zu unseren Kunden und zu den Kunden waren, zur Community, um mit denen dann zu kommunizieren. Und das ist auch das, was mir mit am meisten Spaß macht im Beruf. Dass man nicht so eine Distanz hat zu den Leuten, die die Produkte nutzen, selbst in der Größe jetzt mittlerweile, sondern dass man direkten Austausch wirklich pflegen kann, tagtäglich auf Messen, auf Events, das ist echt was Besonderes.
Anja Roth Also, ich habe ja jetzt auch das Glück, dass ich dieses Jahr bei meinen Veranstaltungen, wenn ich auf Fachveranstaltungen unterwegs war, also Ernährungsfachtagung, Diabetes-, Adipositas-Bereiche, hatte ich ja auch immer Proben von More dabei und war dann doch auch immer sehr erstaunt war.
Also junge Menschen, die kennen das alle und waren immer ganz begeistert. Und die etwas Älteren, sag ich mal, so mein Alter, die waren dann immer eher so ein bisschen skeptisch. Na ja, aber ich habe schon mal davon gehört oder die fragen mich immer danach und waren dann auch wirklich ganz erfreut, dass sie es dann eben auch selber mal ausprobieren können, weil die zum Teil eben gar nicht so in den sozialen Medien unterwegs sind. Und ich finde es total klasse, dass wirklich auch eine Offenheit da ist. Das hätte ich ehrlich gesagt in dem Bereich gar nicht so erwartet, aber doch richtig, richtig gut.
Nicolas Lother Ja, das ist total verrückt. Und wenn man mit den Menschen mal spricht, was ich auch regelmäßig mache, wenn man mal kann, dann kommt man ins Gespräch. Die werden ganz viel von ihren Kindern daran geführt, irgendwie. Die Kinder haben das entdeckt, die Generation Millennials, und uns dann den Eltern empfohlen. Im Endeffekt auch ein bisschen so, wie es bei mir war.
Also meine Mama, mein Papa, die konsumieren auch fleißig ESN und die More Produkte dann kommen die auf den Geschmack und vor allem, wenn sie das dann auch verstehen, dieses „Es gibt jetzt keinen gezuckerten Kaffee mehr oder es braucht keinen gezuckerten Joghurt, sondern ich nehme mal die Ersatzprodukte dafür“. Und wenn Sie dann noch die Erfolge sehen und wahrnehmen, dann werden sie spätestens dann im Endeffekt auch Fans der Marke.
Und auch ganz, ganz lustig. Ich bin aktuell in Kapstadt im Urlaub. Da wurde ich in einem Fitnessstudio angesprochen, von zwei Damen, die auch schon Familie und Kinder hatten und auch nicht so unsere direkte Zielgruppe waren, und die sich total gefreut haben und uns für die Produkte gedankt haben, weil sie damit 20, 25 Kilo abgenommen haben, die letzten zwei Jahre und so begeistert sind. Und das ist dann schon immer sehr, sehr cool, das so wahrzunehmen.
Anja Roth Ja, und ich habe eben auch festgestellt, man kann halt Magerquark ohne Ende empfehlen. Aber wenn er nicht gegessen wird, nutzt das nichts. Und wenn da ein bisschen Flavour drin ist, dann funktioniert das auch. Dann kann man eben auch damit erfolgreich beraten. Geschmack ist halt immer der Schlüssel letztendlich dann doch zum Erfolg, muss man sagen.
Nicolas Lother Genau das ist es halt. Und Produkte und Ernährungslösungen wirken halt nur, wenn sie auch genutzt werden. Und da ist Geschmack, Convenience einfach sehr, sehr relevant. Da mag die breite Masse nicht darauf verzichten.
Anja Roth Sind irgendwelche Innovationen jetzt so in Sachen Ernährung, in der näheren Zukunft geplant?
Nicolas Lother Ja, ich glaube, Protein ist mittlerweile in der breiten Masse angekommen. Und jetzt beobachten wir gerade, wir haben in den USA damit angefangen: Das Thema Ballaststoffe. Das haben wir jetzt vor einem Jahr schon so ein bisschen zum Thema gemacht.
Ich meine eins unserer ältesten Produkte, das Chunky Flavour, dieses Süßungsprodukt mit Aroma, das basiert auf einem pflanzlichen Ballaststoff, auf Inulin. Das hat aber damals noch niemand so wirklich verstanden, weil Ballaststoffe irgendwie eher als Ballast wahrgenommen wurden,
Anja Roth Hört sich auch total schlimm an, oder? Das Wort Ballaststoffe.
Nicolas Lother Ja, das hört sich total schlimm an. Keine Ahnung, wer auf die Idee gekommen ist, so einem wichtigen Nährstoff so einen negativen Namen aufzuerlegen.
Aber ja, das Thema Ballaststoffe ist, glaube ich, der nächste Trend über die nächsten Jahre, der sich ähnlich entwickelt wie das Thema Proteine. Weil, da sind sich sogar mal echt alle einig, selbst die Ernährungsgesellschaften, die sehr altmodischen und traditionellen, dass die Bevölkerung zu wenig Ballaststoffe bekommt, wir eine Ballaststofflücke haben, und Ballaststoffe einfach einen wahnsinnig breiten positiven Effekt auf die Gesundheit haben und aufs Gewichtsmanagement.
Anja Roth Wenn du dir jetzt mal was von der Politik wünschen könntest, wenn du wirklich Wünsche an die Politik frei hättest, welche wären das? Jetzt darfst du „Wünsch dir was“ spielen.
Nicolas Lother Also, das ist eine gute Frage. Ich glaube, das sind drei Hauptthemen bzw. Hauptwünsche.
Das ist immer, dass Ernährungspolitik evidenzbasiert stattfindet und nicht idealistisch. Da ist auch ein schönes Beispiel, was euch ja genauso betrifft, das Thema süße Entwöhnung. Wir machen einfach weniger Süße rein und dann reduzieren wir das usw. Das ist wissenschaftlich gesehen Quatsch. Da gibt es Studien dazu, da ist die Wissenschaft einig, wird nicht funktionieren. Also lasst uns doch lieber über evidenzbasierte, praktisch relevante Lösungen für das Thema sprechen und nicht über idealistische.
Dann, was den Fortschritten der Innovation helfen würde und was auf die komplette EU bezogen ist, ist, dass man diese Novel-Food-Zulassungen weniger bürokratisch macht und beschleunigt.
In den USA, da haben wir einfach seit Jahren schon Inhaltsstoffe wie Allulose und Proteine, die aus Fermentation gewonnen werden, die in Europa seit vielen, vielen Jahren sich immer noch im Zulassungsprozess sich befinden. Die wir auch gerne einsetzen würden. Das Ganze zu entbürokratisieren und zu beschleunigen, wird, glaube ich, der gesamten Ernährungsindustrie auch sehr, sehr helfen,.
Und das dritte ist, dass man einen regulatorischen Rahmen findet, in dem auch Unternehmen wissenschaftlich basiert über Ernährung, über gesundheitliche Vorteile kommunizieren dürfen. Die Health-Claims-Verordnung (HCVO) ist super sinnvoll und schützt die Verbraucher ganz arg vor irgendwelchen Scharlatanen und Heilsversprechen usw. Aber die HCVO schränkt halt auch insofern ein, dass man nicht über aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse kommunizieren darf, die aber wissenschaftlich allgemein anerkannt sind, aber noch nicht zugelassen sind und vielleicht auch nie zugelassen werden.
Weil so viel bei der EFSA auf Eis liegt an Health Claims usw., dass es Jahre oder Jahrzehnte dauert, bis da was zugelassen wird. Und dadurch haben wir in Europa auch wenig Möglichkeit, über bessere Ernährungslösungen, über die Vorteile von Ballaststoffen, über die Vorteile von Proteinen, die halt über die hinweggehen, die vor 15 Jahren schon bekannt waren, zu reden. Und ich finde, dafür sollte man regulatorische Rahmen schaffen, der es Unternehmen erlauben, auch evidenzbasiert wissenschaftlich abgesichert über solche aktuellen Erkenntnisse sprechen zu dürfen.
Anja Roth Also das sind absolut super Wünsche, die du hast, und da kann man nur hoffen, dass wir die irgendwie in naher Zukunft schaffen zu realisieren, obwohl die EU-Mühlen ja noch langsamer mahlen als irgendwas anderes. Aber alles Wünsche, die gar nicht so fern sind. Es ist ja nicht so, als ob du jetzt Wünsche hättest, die man nicht realisieren könnte.
Nicolas Lother Könnte man meinen, ja. Eigentlich ist es nicht komplett absurd.
Anja Roth Nein, es ist aber endgültig absurd.
Nicolas Lother Am Ende würden da insbesondere auch die Konsumenten dadurch gewinnen. Und immer und Vorteile bekommen. Und das ist jetzt auch vielmehr durch die Konsumentenbrille gedacht und weniger durch die Unternehmensbrille. Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann.
Anja Roth Ja, mal schauen wir. Wir sind ja noch jung und frisch, wir haben ja noch jede Menge Zeit vor uns.
Alina Weigelt Kommen wir jetzt zu unserem Faktencheck: Süß und knackig.
Fakt 1: Innovative Produkte funktionieren dann, wenn sie praktikabel in den Alltag eingebunden werden können und einen echten Mehrwert bieten.
Fakt 2: Es macht heute keinen Sinn mehr, bei gesüßten Produkten Zucker hinzuzufügen, wenn es auch kalorienfreie Süße gibt.
Fakt 3: Ernährungslösungen sind nur dann erfolgreich, wenn sie auch genutzt werden. Und dafür ist der Geschmack entscheidend.
Und Fakt 4: Ernährungspolitik und Ernährungsempfehlungen sollten auf Evidenz und wissenschaftlichen Fakten basieren und nicht auf Idealismus.
Ja, Nico, vielen Dank für deine Zeit und auch dein Wissen und auch dir, Anja. Das war wieder sehr aufschlussreich mit euch beiden.
Anja Roth Ja, auch dir, Nico, noch einen schönen Urlaub, hab noch viel Spaß und danke, dass du dir Zeit genommen hast, um heute im Podcast mit uns zu sein. Und wir freuen uns, wenn deine Wünsche in Erfüllung gehen. Mach’s gut. Bis dann. Tschüss.
Nicolas Lother Vielen Dank. Danke euch. Ciao.
